• Kindheit und Jugend
  • Studienzeit und erste Berufsjahre
  • Kriegsjahre
  • Tätigkeit in Linz
  • Tätigkeit in Wien
1908

Simon Wiesenthal wird am 31. Dezember als Sohn von Asher und Rosa Wiesenthal in Buczacz, nahe Lemberg, geboren. Buczacz ist zu der Zeit ein kleines Städtchen mit überwiegend jüdischer Bevölkerung, das in Galizien, am östlichen Rand der österreichisch-ungarischen Monarchie liegt. Die Geschichte dieser Gegend, die durch zahlreiche Pogrome gekennzeichnet war, sollte ihren tragischen Höhepunkt – nicht nur für die Familie Wiesenthal – im Einmarsch der nationalsozialistischen Truppen während des 2. Weltkrieges finden. 

Der Vater Asher ernährt die Familie mit seinem Zuckergroßhandel und gilt in der wirtschaftlich eher armen Region als relativ wohlhabend. Der kleine Simon wächst in einer traditionell jüdischen Umgebung heran, die geprägt ist von der Kultur der chassidischen Wunderrabbiner. Er wird bis zu seinem Tod bekennender, aber nicht praktizierender Jude bleiben.

 

1915-1917

Nach dem Einfall der Kosaken in Buczacz (1915) und dem Tod des Vaters im Kampf als Reservist der österreichischen Armee an der galizischen Ostfront zieht die Mutter mit Simon und dem zwei Jahre jüngeren Bruder Hillel nach Wien. Sie wohnen zwei Jahre bei entfernten Verwandten im 2. Wiener Gemeindebezirk, wo die beiden Söhne die Volksschule in der Bäuerlegasse besuchen.

Nach dem Rückzug der Russen aus Galizien kehren die Wiesenthals nach Buczacz zurück, um vom übrig gebliebenen Besitz, einem Lagerhaus und dem Wohnhaus, zu retten, was noch zu retten ist.

 

1923

Simon Wiesenthal wird ins Gymnasium aufgenommen, das hauptsächlich von jüdischen Kindern besucht wird. Hier lernt er Cyla Müller, seine spätere Ehefrau kennen.
Sein Bruder stirbt in diesem Jahr an den Folgen eines Unfalls.

 

1926

Die Mutter heiratet einen aus Wien stammenden Ziegelfabrikanten und zieht nach Dolina, einem Städtchen im karpatischen Vorgebirge, wo sich der Betrieb ihres zweiten Ehemannes befindet. Simon bleibt bei den Eltern von Cyla in Buczacz und verbringt lediglich die Ferien in Dolina.

 

 

 

 

1928-1932

Simon Wiesenthal legt die Matura ab und beschließt, Architektur zu studieren. Ein Studium an der nahe gelegenen Hochschule in Lemberg kommt jedoch nicht in Frage, da es für Juden Zulassungsbeschränkungen gibt. Er fällt die Entscheidung, nach Prag zu gehen, wo er an der Deutschen Technischen Hochschule inskribiert. Nach nur einem Semester wechselt er, vor allem wegen des immer stärker werdenden Antisemitismus, an die Tschechische Technische Hochschule und absolviert dort sein Architekturstudium. Er besteht das Absolutorium, braucht aber noch ein polnisches Diplom, um als vollständig qualifizierter Architekt arbeiten zu können.

Wiesenthal erlebt den künstlerischen Reichtum, die Vielfalt und Schönheit Prags als große Bereicherung und empfindet die Atmosphäre der Stadt im Vergleich zu seiner Heimat als relativ liberal.

 
1932-1938

Er kehrt nach Lemberg zurück, um an der dortigen Technischen Universität das Diplom zu machen. Gleichzeitig arbeitet Simon Wiesenthal bei lokalen Baufirmen und erhält bald die ersten Aufträge, für einige wohlhabendere Juden Häuser zu entwerfen.

Gemeinsam mit seinen Freunden gibt er eine jüdische satirische Studenten-zeitung, den „Omnibus“ heraus. Für diese fertigt er Karikaturen an, von denen viele die Nationalsozialisten und ihren Antisemitismus aufs Korn nehmen. Einige der nicht konfiszierten Karikaturen sind in der Polnischen Nationalbibliothek aufbewahrt.

 
1936

Am 9. September heiratet er seine langjährige Freundin aus Gymnasiumstagen, Cyla Müller. Er arbeitet in einem Architekturbüro in Lemberg.

 

1937

Bau einer Villa in Dolina für seinen Stiefvater.

 

1939-1941

Erst nach dem Bau eines Sanatoriums für Tuberkulosekranke wird seine akademische Befähigung als Bauingenieur anerkannt.

Nach der Unterzeichnung des Nichtangriffpaktes zwischen Hitler und Stalin fällt Lemberg unter sowjetische Souveränität. Die Repressionen gegen Juden und „Kapitalisten“ werden stärker. Der Stiefvater wird eingesperrt, enteignet und stirbt schließlich an den Folgen der Haft. Wiesenthal darf nicht länger in einem „bürgerlichen“ Beruf arbeiten, muss sein Architekturbüro schließen und verdient sein Geld als Arbeiter in einer Matratzenfabrik.

1941

Am 22. Juni marschiert Hitler in die sowjetisch besetzten Gebiete Polens ein. Am 6. Juli wird Wiesenthal, der sich im Keller seines Hauses versteckt gehalten hat, entdeckt und wie viele Angehörige des jüdischen Bürgertums verhaftet und ins Brigidki-Gefängnis gebracht. Nur knapp entgeht er dort mit Hilfe eines ukrainischen Hilfspolizisten, der ihm zur Flucht verhilft, der Erschießung. Kurz darauf wird er zur Zwangsarbeit bei den Ostbahn-Ausbesserungswerken (OAW) abkommandiert und der Reparaturwerkstätte der Eisenbahn als Schildermaler für Hakenkreuze zugeteilt. Die Familie Wiesenthal muss ihre Wohnung verlassen und ins Ghetto von Lemberg ziehen.

Im Oktober werden Simon und seine Frau Cyla von der SS abgeholt und ins KZ Janowska transportiert. Seine Mutter bleibt im Ghetto zurück und kommt bald darauf auf der Deportation ins Konzentrationslager um. Die genauen Umstände ihres Todes hat Simon Wiesenthal nie erfahren.

 

1942

Wiesenthal und seine Frau werden zur Zwangsarbeit zu den Ostbahn-Ausbesserungswerken überstellt, wo er weiterhin auch als Schildermaler eingesetzt wird. Cyla gelingt es unterzutauchen.

 

1943

Zu Beginn des Jahres wird Simon wieder ins KZ Janowska gebracht.

Als er im „Schlauch“, einem zwei Meter breiten Gang, zwischen zwei Stacheldrahtzäunen, mit anderen Häftlingen auf seine Erschießung wartet, wird er buchstäblich in letzter Minute vom Werksleiter gerettet, der ihn zum Malen eines Spruchbandes für Hitlers bevorstehenden Geburtstages benötigt.

Im Oktober gelingt Wiesenthal die Flucht. Nach einer kurzen Zeit im Versteck, schließt er sich im November den jüdischen Partisanen an.

 

1944-1945

Im Juni wird Wiesenthal neuerlich von der Gestapo verhaftet und ins Lager Lackie-Wielkie gebracht. Als er erkennt, dass Partisanen ausnahmslos erschossen werden, unternimmt er einen Selbstmordversuch. Kurze Zeit später wird er ins KZ Plaszow deportiert und einem Sonderkommando zugeteilt. Dieses soll die Leichen aus Massengräbern heben und verbrennen, um Spuren der Massenvernichtung zu beseitigen. Das Lager wird kurz darauf evakuiert, da die russischen Truppen bereits in unmittelbarer Nähe sind.

Es folgt eine Odyssee der Häftlinge nach Auschwitz, über Groß-Rosen, weiter bis nach Buchenwald, zu Fuß oder auf Eisenbahnwaggons, unter strenger Bewachung. Am 9. Februar 1945 erreichen die überlebenden Häftlinge – unter ihnen Simon Wiesenthal – Mauthausen.

1945

Am 5. Mai 1945 wird das Lager Mauthausen von den amerikanischen Truppen befreit. Cyla Wiesenthal hat den Krieg teilweise im polnischen Untergrund und zuletzt als „arische“ Fremdarbeiterin – sie ist blond und hat blaue Augen – in einer Fabrik in Heiligenhaus/Wuppertal/Deutschland überlebt. Insgesamt haben die Wiesenthals während des nationalsozialistischen Regimes 89 Mitglieder ihrer Familien verloren.

Fast unmittelbar nach der Befreiung nimmt Simon Wiesenthal jene Tätigkeit auf, aus der er zunächst die Kraft zum Weiterleben schöpft, und die zu seiner selbst gewählten Lebensaufgabe werden sollte: die Suche nach NS-Tätern und ihre Überführung an die Gerichtsbarkeit. Schon am 25. Mai, also 20 Tage nach seiner Befreiung aus dem KZ Mauthausen, überreicht er dem U.S.-Camp-Commander, Colonel Seibel, einen Brief, in dem er seine Hilfe bei der Ausforschung von NS-Verbrechern anbietet. Dieses Dokument enthält neben seinem Lebenslauf auch die erste von ihm verfasste Liste von NS-Tätern, welche 91 Namen von SS-Männern und Gestapo-Angehörigen aufweist, unter denen Wiesenthal entweder während des Krieges persönlich zu leiden hatte, oder von denen er weiß, dass sie an seinen Mithäftlingen Verbrechen begingen.

Bald danach beginnt er in Linz für das amerikanische Office of Strategic Services (OSS) und später für den Counter Intelligence Corps (CIC) zu arbeiten. Er sammelt Zeugenaussagen von Überlebenden in den Lagern für Displaced Persons, erstellt Listen von NS-Tätern und ist befugt, selbst Verhaftungen durchführen. Ein Großteil der ca. 2000 NS-Verbrecher, die vor Gericht gebracht werden konnten, werden in dieser Zeit unmittelbar nach dem Krieg ausgeforscht. Dies ist in jenen Jahren noch relativ leicht, da sich viele ehemalige NS-Täter in naher Umgebung befinden, und es zahlreiche Opfer in den Lagern für Displaced Persons gibt, die deren Taten bezeugen können.

 

1946

Im September wird Tochter Pauline geboren. Wiesenthal gründet ein jüdisches Komitee von Überlebenden aus dem KZ Mauthausen. Die Mitglieder bemühen sich um Familienzusammenführungen in den Lagern für Displaced Persons und helfen bei der Erstellung von Zeugen- und Täterlisten.

 

1947-1961

Nach der Trennung vom Counter Intelligence Corps gründet Wiesenthal sein eigenes privates Büro zur Ausforschung von NS-Verbrechern: die Jüdische Historische Dokumentation in Linz. Bis 1961 sollte er von Linz aus seiner Aufgabe nachgehen. Gleichzeitig arbeitet er in jüdischen karitativen Organisationen mit:

– Bei Brichah (Flucht), einer Rettungsorganisation, die die illegale Einwanderung nach Palästina betreibt.

– Für die Organisation for Rehabilitation and Training (ORT) organisiert er Berufsausbildung und Sprachtraining für Flüchtlinge aus dem Osten, die in das neu gegründete Israel auszuwandern beabsichtigen.

Über viele Jahre hinweg verfolgt er seinen für jene Zeit wichtigsten Fall, den von Adolf Eichmann. Dieser wird durch seine Mithilfe 1960 durch den Mossad (israelischer Geheimdienst) in Argentinien gekidnappt und 1961 in Israel zum Tod verurteilt. Die Suche ist in Wiesenthals Buch Ich jagte Eichmann beschrieben.

Im Laufe der Jahre wird die Tätigkeit Wiesenthals jedoch zunehmend schwieriger, da das Interesse an der Verfolgung von NS-Tätern allmählich nachlässt. In den Organisationen der Alliierten kommen immer mehr ehemalige Nationalsozialisten als Agenten des Kalten Krieges unter, später werden andere auch in privaten und öffentlichen Institutionen Österreichs und Deutschlands wieder eingestellt.

1961-2004

Wiesenthal übersiedelt nach Wien und gründet nach einer kurzen Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde, das Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes. 

Er widmet sich voll und ganz der Fahndung nach NS-Verbrechern, die aufgrund der gesetzlichen Verjährungsfristen die Aussicht haben, sich dem Zugriff der Gerichtsbarkeit zu entziehen. 

Auf seiner Suche nach „Gerechtigkeit für Millionen unschuldig Ermordeter“ wird er für viele entweder zu einem unbeirrbaren oder aber unbequemen Zeitzeugen. 

In Erfüllung seiner selbst auferlegten Pflicht, als Überlebender des Holocaust vor dem Vergessen der Shoa zu warnen, die nicht mit Massenmord und Gaskammern begonnen hat, sondern mit der Demontage von Demokratie und Menschenrechten, hält er Vorträge in aller Welt. Auch als Autor zahlreicher, in mehrere Sprachen übersetzter Bücher hinterlässt er ein Vermächtnis für nachfolgende Generationen.

Während dieser langjährigen Tätigkeit sind Simon Wiesenthal und seine Familie immer wieder antisemitischen Anfeindungen aus-gesetzt, 1963 richtet sich ein Drohanruf gegen das Leben seiner Tochter. Nach einem Sprengstoffanschlag, den ein Täter aus der rechtsextremen Szene auf Wiesenthals Wohnhaus in Wien-Döbling 1982 verübt, werden sowohl sein Privathaus als auch sein Büro von Sicherheitsleuten bewacht.

 
2005

Nachdem er bis ins hohe Alter täglich seiner Lebensaufgabe nachgegangen ist, zieht sich Simon Wiesenthal nach dem Tod seiner Ehefrau Cyla im November 2003 immer mehr zurück. Am 20. September 2005 stirbt er in Wien und wird in Herzlija/Israel beigesetzt.