Beispiele wichtiger Fälle

Hermine Braunsteiner

Bild von Hermine Braunsteiner beim Prozess aus einem Zeitungsartikel die tat, 29. Mai 1981

geboren 16. Juli 1919 in Wien; gestorben 19. April 1999 in Bochum

Die Österreicherin Hermine Braunsteiner war Aufseherin in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Majdanek. Von den Häftlingen im Frauenlager von Majdanek wurde sie wegen ihrer besonderen Brutalität - Tritte mit eisenbeschlagenen Stiefeln sowie Einsatz von Peitsche und Pistole - „Kobyla“ (dt. Stute) genannt.

Nach einer zufälligen Begegnung mit drei KZ-Überlebenden in Israel, die ihm ihre leidvollen Erfahrungen mit „der Stute“ in Majdanek schilderten, beschloss Wiesenthal, dem Fall Braunsteiner nachzugehen. Bald wurde ihm bekannt, dass diese bereits 1948 in Österreich wegen grausamer Behandlung von Häftlingen in Ravensbrück zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. Ihre Tätigkeit in Majdanek wurde in der Anklageschrift jedoch nicht erwähnt. Zudem gab es keinerlei Hinweise auf ihren Aufenthaltsort.

Nach detektivischer Kleinarbeit brachte Wiesenthal in Erfahrung, dass Braunsteiner einen Amerikaner namens Ryan geheiratet hatte. Mit diesem war sie zunächst nach Kanada, später nach Queens, einem Stadtteil von New York, gezogen, wo sie 1963 U.S.-Staatsbürgerin wurde.

Wiesenthals nächste Ziele waren ihre Auslieferung und das Erwirken eines Prozesses auf gesicherter Beweislage. Nach seinen Hinweisen an den Wiener Korrespondenten der New York Times, erschien ein erster Bericht über Braunsteiner-Ryan unter dem Titel: „Ehemalige KZ-Aufseherin, heute Hausfrau von Queens." Aufgrund des darauf folgenden öffentlichen Interesses, wurden auch die amerikanischen Behörden tätig und leiteten ein Ausbürgerungsverfahren ein. Wiesenthal machte Zeugen ausfindig, die sich bereit erklärten, in die USA zu reisen und gegen Braunsteiner auszusagen. Doch sollte es noch 9 Jahre dauern, bis die NS-Täterin 1973 in den USA verhaftet und an die Bundesrepublik Deutschland ausgeliefert werden konnte. 1975 wurde Braunsteiner-Ryan zusammen mit acht weiteren ehemaligen Lagermitarbeitern im Düsseldorfer Majdanek-Prozess unter Anklage gestellt. Diese warf ihr „gemeinschaftlichen Mord in 1.181 Fällen und Beihilfe zum Mord in 705 Fällen" vor. Der Prozess zog sich fast sechs Jahre hin, bis Braunsteiner 1981 zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Mangels an Beweisen kam es nur in drei der neun Anklagepunkte zu einem Urteilsspruch, welcher wie folgend lautete: „Selektion mit Mord an 80 Menschen, Beihilfe zum Mord an 102 Menschen („Kinderaktion“) und Selektion mit gemeinschaftlichem Mord an 1.000 Menschen."

1996 wurde Braunsteiner auf Grund ihres schlechten Gesundheitszustands durch eine Begnadigung von Ministerpräsident Johannes Rau aus dem Gefängnis in Mülheim entlassen.

Obwohl sich Wiesenthal wegen der Verzögerungen vor and während des Majdanek-Prozesses und der milden Urteile - einer der neun Angeklagten wurde freigesprochen, sieben wurden zu Haftstrafen unter zwölf Jahren verurteilt - wiederholt empört zu Wort meldete, war es ihm dennoch eine Genugtuung, dass er die Aufseherin von Majdanek zu einem Fall öffentlichen Interesses gemacht hatte. Damit trug er dazu bei, dass sich seit 1979 beim U.S.-Justizministerium das Office of Special Investigation (OSI) aktiv mit der Verfolgung von NS-Straftätern befasst.

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