Beispiele wichtiger Fälle

Karl Josef Silberbauer

Passbild von Karl Josef Silberbauer

geboren 21. Juni 1911 in Wien, gestorben 1972

Das tragische Schicksal des jüdischen Mädchens Anne Frank ist unzähligen Menschen durch ihr aufgefundenes Tagebuch -  „einem Eckpfeiler der Erinnerungskultur“ (Wolfgang Benz) - bekannt geworden. Es endet abrupt,
da die vor den Nationalsozialisten zwei Jahre in einem Versteck in Amsterdam untergetauchte Familie Frank am 4. August 1944 von einem Kriminalbeamten des Sicherheitsdienstes verhaftet wurde und in Folge - bis auf den Vater - im KZ zu Tode kam.

Als Simon Wiesenthal anlässlich der Aufführung eines Theaterstückes über Anne Frank durch neonazistische Propaganda mit der Aussage konfrontiert wurde, dass das Tagebuch lediglich eine reine Erfindung und keinerlei Beweis für den Holocaust sei, begab er sich - zur Untermauerung der Existenz Anne Franks - auf die Suche nach dem Kriminalbeamten, der ihre Verhaftung vorgenommen hatte. Von diesem war vorerst lediglich seine Herkunft aus Wien und der erste Teil seines Nachnamens - Silber - sicher bekannt. 1963 spürte Wiesenthal den ehemaligen SS-Oberscharführer und Kriminalrayoninspektor im Sicherheitsdienst (SD), Karl Silberbauer, auf, der die Familie Frank aus ihrem Versteck weggebracht hatte. Silberbauer war zu diesem Zeitpunkt wieder bei der Wiener Polizei tätig. Er wurde vom Dienst suspendiert und angezeigt. 1964 endete das Verfahren mit einer Einstellung, da angenommen wurde, dass Silberbauer vom Holocaust nichts gewusst hatte. Auch in einem Disziplinarverfahren wurde er freigesprochen, sodass er bis zur Pensionierung - mit (der damals üblichen) Anrechnung seiner Tätigkeit für Gestapo und SD als Vordienstzeit - wieder als Polizist arbeiten konnte.

Wichtiger als eine mögliche Bestrafung Karl Silberbauers war jedoch der durch seine Auffindung evident gewordene Beweis der Authentizität von Anne Franks Tagebuch, das auch als Symbol für das Schicksal von Millionen jüdischen Kindern zu sehen ist, die in dieser Zeit unter unsagbarem Leid ums Leben gekommen sind. Dadurch wurde auch Simon Wiesenthals Überzeugung Rechnung getragen, wonach das Unfassbare des Holocaust vor allem durch Schilderung von persönlich Erlebtem der Nachwelt fassbar gemacht werden kann und in diesem Fall besonders berührend durch das Tagebuch einer Jugendlichen.

Brief von Simon Wiesenthal an das österreichische Innenministerium bezüglich Karl Silberbauer,
15. November 1963

Zeitungsartikel zur Verhaftung von Karl Silberbauer, Quelle unbekannt, 21. November 1963

 


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